Bremer City braucht mehr Einzelhandel

Zum Innenstadt-Gutachten von Junker und Kruse

Zu Beginn des Jahres veröffentlichten Bau- und Wirtschaftsressort die Ergebnisse eines Gutachtens zur Lage und Zukunft des Einzelhandels in der Bremer Innenstadt. Darin diagnostiziert das Dortmunder Stadtforschungs- und Planungsbüro Junker und Kruse bei der City einen „starken Nachholbedarf hinsichtlich der Positionierung des innerstädtischen Angebots“. Sowohl die Einzelhandelsfläche als auch der Branchenmix hätten den Gutachtern zufolge Entwicklungsbedarf. Aufgefächert lesen sich die aus dem Fazit resultierenden Empfehlungen wie eine To- Do-Liste zur Innenstadtentwicklung: Erweiterung der Verkaufsflächen um 25.000 bis 30.000 Quadratmeter und eine Optimierung des Branchen- und Betriebsgrößenmixes. Die Bremer Innenstadt hat demnach nicht nur insgesamt zu wenig Verkaufsfläche, sondern im Vergleich mit anderen Großstädten mangelt es auch an Betrieben mit mehr als 1.500 Quadratmetern Verkaufsfläche. Darüber hinaus gibt es auch bei der qualitativen Aufstockung noch deutliche Spielräume. Ausgehend von den allgemeinen Empfehlungen konkretisieren die Gutachter ihre Betrachtungen mit cityrelevanten Vorschlägen und einer Analyse potenzieller Expansionsmöglichkeiten. Dabei kommen sie zu folgendem Schluss: „ Aus heutiger Sicht ist der Bereich um den Hanseatenhof/Ansgarikrchhof für die Entwicklung eines neuen größeren Einzelhandelsbausteins am geeignetsten, da dieser Standort eingespielt ist, gute Synergien verspricht und vorhandene Magneten integrieren kann. (...) Daneben muss es Ziel der Stadtentwicklung sein, entlang der Hauptlagen den Einzelhandelsbesatz weiter zu verdichten. Flächenzusammenlegungen können dabei Einzelhandelsentwicklungen beschleunigen. Das heißt, die vorhandenen Erweiterungspotenziale sind nicht nur auf einen Standort zu lenken.“ Für Jörg Pantenburg, Geschäftführer der Galeria Kaufhof, sind die Empfehlungen aber nicht differenziert genug: „Es wird nur einseitig nach dem Standort für ein Einkaufscenter gesucht. Es fehlt dagegen die umfassende Analyse der Innenstadt, wo generell Verkaufsflächen in welcher Größenordnung geschaffen werden könnten und wo sich welche Quartiere mit welcher Ausrichtung bilden könnten. Es fehlen Vorschläge zu Rundläufen für die Innenstadt. Außerdem wird nur quantitativ bewertet, wie hoch der Flächenbedarf ist. Es folgt keine Analyse, in welchem Qualitätsspektrum sich das Angebot wo erweitern sollte.“ Den Aspekt der Qualität betont auch Jens Ristedt, der mit dem Modehaus Ristedt Anlieger des Ansgarikirchhofes ist: „Ich halte eine qualitativ-anspruchsvolle, sensibel und gut durchdachte sowie wertig gestaltete Weiterentwicklung der Bremer Innenstadt für wichtig. Es muss ein USP für unseren Standort Innenstadt entstehen, der sich von bereits vorhandenen Centern wie Weserpark, Hansa Carrée, Roland Center oder Waterfront positiv abhebt.“ Ristedt wünscht sich, dass bei der Entwicklung auf die Inhalte, insbesondere auf den Erhalt Bremer Fachgeschäfte geachtet wird. Für ihn sind sie „die lokalen Akteure und Player, die sich für ihre Stadt einsetzen, und das ‚Salz in der Suppe’ in einer immer vergleichbareren, mitunter monotonen City-Einzelhandelslandschaft.“ Auch Monate nach der Veröffentlichung des Innenstadt-Gutachtens werden die Vorschläge von Junkers und Kruse weiter intensiv diskutiert. Dabei konzentrieren sich die Erörterungen immer deutlicher auf drei Fragen. Wie viel zusätzliche Einzelhandelsfläche verträgt die Bremer City? Wo soll sie entstehen? Und wie ließe sich vorhandenes Potenzial ausbauen? Robert Bücking, Leiter des Ortsamtes Mitte/Östliche Vorstadt, appelliert an die Stadt Bremen, die eigene Gestaltungsmacht zu nutzen. 

Die City als Ganzes erhalten

„Dass der Einzelhandel in der City wachsen soll, ist eine Einschätzung, die wohl alle teilen, denen unsere Innenstadt am Herzen liegt“, meint Robert Bücking. Nach seiner Ansicht brauche die Bremer Innenstadt aber keine geschlossene Shopping-Mall. „Gut wäre es dagegen, wenn die neuen Einzelhandelsflächen in Gebäuden an der Straße entstehen, so dass die Straßen, Fußwege und Passagen alle Angebote der City miteinander verbinden und die Besucherinnen und Besucher immer die City als Ganzes besuchen“, so Bücking weiter. Der Ortsamtleiter fände es klug, die neuen Angebote im westlichen Teil der City rund um den Ansgarikirchhof und die Hutfilterstraße zu konzentrieren, weil das eine gute Balance zum starken Auftritt der Sögestraße schaffen würde. Zudem spricht er sich für eine Mischnutzung der Immobilien aus: „Für den Einzelhandel sind die unteren zwei Geschosse interessant, darüber könnten Büros, ja vielleicht sogar Wohnungen gebaut werden. Mischung macht die Immobilien zukunftsfest.“ Auch das Thema Parken muss laut Robert Bücking beachtet werden, da ihm zufolge nur eigene Parkgaragen, nicht aber ein Center mit integrierten Parkmöglichkeiten faire Wettbewerbsbedingungen schaffen könnten.

Einfach mal aufräumen

Bückings Wunsch nach städtebaulicher Qualität und der Beseitigung von, wie er es nennt, „Quälstellen“, schließt sich auch Doris Wiechert an, die zusammen mit Justus Hoffmann in der Langenstraße die Buchhandlung Storm betreibt. Negativplätze, die Wiechert ins Auge stechen, sind dabei aber nicht, wie bei Bücking die Brillkreuzung, unbedingt städtebaulicher Art, sondern schlicht „Schmuddelecken, die mal aufgeräumt werden sollten.“ Die Buchhändlerin führt auch aus, warum das ein wichtiger Punkt sei: „Die meisten Besucher lieben die Bremer Innenstadt wegen ihrer historischen Kulisse. Ich bin der Meinung, dass das ein Pfund ist, mit dem Bremen wuchern kann, denn der Einzelhandel bietet doch in den meisten Großstädten ein austauschbares Bild.“ Ein weiterer Punkt, den Doris Wiechert in der Diskussion um eine attraktivere Bremer City anführt, betrifft die Ladenschlusszeiten: „Wir brauchen in der Innenstadt endlich eine allgemein gültige Kernöffnungszeit, um den Kunden nach hanseatischer Tradition verlässliche Strukturen zu bieten.“ Auch die jüngsten Stellungnahmen zur Entwicklung der Bremer Innenstadt bestätigen, was im Gutachten unterstrichen wird: Ein Rezept von der Stange wird es nicht geben, die Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung müssen eine maßgeschneiderte Bremer Lösung sein. Dafür ist eine sachliche Weiterführung der Diskussion unerlässlich. 

Kommentar zum Innenstadt-Gutachten 

„Mut zur Größe“, meint Dr. Jan-Peter Halves

„Ist Größe ein Wert an sich? Die Bremer Innenstadt hat seit dem zweiten Weltkrieg viel an flächenhafter Ausdehnung verloren. Erinnern wir uns an Leffers gegenüber Bamberger und C&A neben Wührmann. 400 Meter Einkaufscity im Stephaniviertel sind wohl für immer verloren. Dazugewonnen hat die Bremer Innenstadt mehr Tiefe, die Lloyd Passage und das Katharinenviertel. Mehr Qualität vielleicht auch, doch unter dem Strich lässt sich ein Verlust an Quadratmetern verzeichnen. Also lieber klein und fein? Unsere Innenstadt auf Schrumpfkurs? Nein, so darf es nicht kommen! Das Überangebot an Flächen in der Gesamtstadt führte zu einer Verflachung des Angebotes, in Teilbereichen der Innenstadt und in den Centern sowieso. Nach vielen Irrwegen besinnen sich Politik und Verwaltung der Bedeutung einer starken Innenstadt für die Ausstrahlung des Oberzentrums und für die touristische Attraktivität der Stadt. Das neue Zentrenkonzept bestimmt endlich den Vorrang der Innenstadt und das aktuelle Innenstadtgutachten von Junker und Kruse definiert einen Rahmen. Die Gutachter scheinen vor den schlechten Zahlen zurückzuschrecken. Nachdem anfänglich ein Flächenbedarf von bis zu 60.000 Quadratmetern von ihnen berechnet wurde, schränken sie den geforderten Flächenzuwachs nochmals auf 25.000 bis 30.000 Quadratmeter ein. Bei der Größenordnung von 54.000 bis 60.000 Quadratmetern zusätzlicher Verkaufsfläche wurde eine durchschnittliche Größenordnung unserer Bremer Innenstadt im Vergleich zu den anderen Innenstädten deutscher Großstädte angenommen. Wir brauchen also mindestens die 25.000 Quadratmeter zusätzliche Verkaufsfläche und eigentlich viel mehr. Die Flächenausweitung im Einzelhandel muss für die nächsten Jahrzehnte mit starker Priorität auf die City gelenkt werden. Natürlich nicht heute in Zeiten einer weltweiten Finanzkrise. Doch, mal ehrlich, wir können in diesem Jahr die Weichen stellen für unsere Innenstadt in zehn oder 20 Jahren. Also bitte nicht aus einer heutigen Kassenlage sich schon vor dem Beginn jeder Diskussion klein machen. Denn wenn wir noch fünf Jahre warten, werden uns die Innenstädte von Oldenburg und Osnabrück nicht nur in der reinen Größe, sondern auch in Sortimentstiefe und - breite überholen. Nur zur besseren Einordnung, Oldenburg und Osnabrück haben ungefähr ein Drittel der Bremer Bevölkerung. Soll es dann eigentlich wirklich Metropolregion Oldenburg-Bremen heißen? Also Mut zur Größe und nehmen wir unsere Rolle doch an und ernst: Wir sind das Oberzentrum in Nordwestdeutschland.“

Dr. Jan-Peter Halves (Geschäftsführer der CityInitiative Bremen Werbung e.V.)